Dosenobst

Obst, wie so ziemlich alles, was sich irgendwie in Dosen packen und noch Jahrzehnte später mehr oder weniger sicher verzehren lässt, war der coole Scheiss, auf den meine Oma und wahrscheinlich ziemlich viele aus der Kriegsgeneration nur gewartet hatten. Selbst eingemacht wurde ja eh schon was ging; nun hatte man auch Zugang zu exotischerem Material. Im Speziellen waren das Mandarinen; gerne genutzt für obskure Nachspeisen und natürlich die Ananas für den furchtbaren Toast Hawaii. Noch heute ein Mahnmal kulinarischer Schande, aber es soll ja Leute geben, die sich freiwillig Ananas auf Gerichte packen, wo Ananas nichts zu suchen hat (und das ist alles, was nicht als Nachtisch zählt). Damals ging es ja nicht anders, auf den Toast musste qua TV-Koch-verordnete Lex Ananas die gelbe Dosenfrucht aufs ansonsten köstliche Schinken-Käse-Backwerk. Ich erinnere mich, dass ich – nachdem erste Versuche mit Ananas einfach liegen lassen wegen “Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt” fehlschlugen – zuerst die warme, glibbrige Frucht unter dem geschmolzenen Käse heraus friemelte und zuerst aß, damit ich den fiesen Geschmack (wer kommt auf die Idee Obst warm zu machen? Außer diesem TV Koch, der nicht mal Koch war!) mit dem nun ananaslosen und somit leckeren Toast von der Zunge futtern konnte. War trotzdem unschön, weil an der herausgeklaubten Ananas oft noch Käsereste hingen und das verbliebene Toast doch noch ein gewisses Fruchtaroma hatte.

Auch eigentlich ziemlich fies: Erdbeeren aus der Dose. Farblich an die Orks aus Herr der Ringe erinnernd, war die Konsistenz genau so, wie man sich eine ohnehin schon weiche Frucht nach einem monatelangen Bad in einer Zuckerwasserlösung vorstellt. Wie Kaviar in süß wahrscheinlich; ich hatte noch nie Kaviar, aber wohl ähnlich matschig, wie ein großer Ballen Rotz mit Erdbeergeschmack. Die Teile fand man auch oft in Bowle (die kriegte ich natürlich nicht) und oft auch in mir. Irgendwie mochte ich die. Wahrscheinlich weil sie halt süß waren und als Kind ist alles, was süß ist gut.

Mittlerweile kennt man Dosenobst wahrscheinlich hauptsächlich vom Frühstück im Hotel, wenn neben einem großen Pott ungeschützt herumstehenden Joghurt eine ebenso große Schüssel mit buntem Obst steht, das in einer Brühe (oft auch mit kleinen Flecken von rein getropftem Joghurt vom Pott nebenan) traurig vor sich hinwabert. Jedes Stückchen sieht gleich aus, die Melonenteilchen sind kreisrund, alle Melonendreiecke wie mit einem Präzisionslaser ausgestanzt. Geschmacklich könnte man bei einer Blindverkostung wahrscheinlich nicht erraten, was man da gerade im Mund hat.

Mittlerweile – mit dem Alter und der Lebenseinstellung eines Alt-Hipsters – spielt Dosenobst keinerlei Rolle mehr in meinem Leben. Käsekuchen heißt jetzt New York Cheese Cake und da haben Dosen-Mandarinen nichts drauf oder gar drin zu suchen, die Ananas gibts frisch und am Stück, gleiches gilt für Erdbeeren und sollte mich mal eine unbändige Lust auf viel zu süße Zuckerplörre mit Fruchtgeschmack haben: da gibts sicher bei Starbucks einen Sirup, der dann über einen völlig überteuerten kalten Kaffee namens “Sugar Honey Fruity Frappé Deluxe con Latte” geschüttet wird.

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